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Johannes (Johnny) Jost, 18. März 1944 bis 10. Dezember 2019: Würdigung

01.05.2020 16:55

Johannes (Johnny) Jost war ein stiller Werbestar. Trotzdem hat der gelernte Fürsprech und Jurist während seiner GGK-Basel- und später Publicis-Farner-Zeit eine ganze Reihe von Schweizer Werbern massgeblich geprägt. Ein Jahrzehnt nach seiner Pensionierung ist er Ende des vergangenen Jahres verstorben. Wir erinnern uns.

Für mich unter anderem unvergesslich: Johnny, der den Einwand eines überforderten Beraters mit einem Goethe-Zitat quittiert. Oder wie er mir im «Commercio» das Wesen des Grossraumbüros, in das er in hohem Texteralter noch umziehen musste, in einem Satz erklärte: «Wie in der Schule: Einer furzt, und alle lachen.» Oder sein Text übers Textersein von 1994, mit dem er hier selbst noch einmal zu Wort kommen soll (siehe nachfolgend: Die Vertreibung aus dem Paradies des Grundsätzlichen). Lieber Johnny, es tut mir leid, dass jetzt doch mal noch ein bisschen Rampenlicht durch den Pfeifenrauch scheint, mit dem du dich Zeit deines Lebens umhüllt hast. Ich weiss, du möchtest das nicht. Aber du hast es verdient.
Thomas Kurzmeyer, Creative Director Wirz Communications

Die Vertreibung aus dem Paradies des Grundsätzlichen
Welch ein Friede! Wie altvertrauter, heimatlicher Glockenklang kommen die Briefingpunkte ans Ohr. Eigenständig, unverwechselbar, lebendig, glaubwürdig, souverän und konsumentennah soll die neue Kampagne sein. Sympathisch-menschlichemotional und zugleich sachlich-klar-informativ. Und natürlich langfristig anwendbar, variierbar und immer wieder aktualisierbar. So wundersam behaglich ist’s in den Gefilden des Generellen und Grundsätzlichen. Federnden Schrittes und ohne Denkarbeit kann man sich locker und frei bewegen. Dazu völlig gefahrlos: Was man auch immer von sich gibt über den «Approach», über die «Positionierung», über die «Tonality » – es kann praktisch nicht falsch sein. (Über Grundsätzliches wird ja nicht deshalb so ausgiebig diskutiert, weil es brisant und umstritten wäre. Sondern weil es so bequem ist, darüber zu diskutieren.) Texter und AD sehen sich aus dem Garten Eden bald einmal vertrieben. Denn schliesslich ist noch die Arbeit zu erledigen, für die der Kunde bezahlt. Und fürs Konzipieren muss man sich nun einmal in die Niederungen des Konkreten begeben. Für die Lauftexte muss der Texter dann gleich noch weiter hinuntersteigen, nämlich in die frostigen Katakomben der Details. Wie funktioniert sie nun denn genau, diese neue Steuerelektronik, diese pyrolytische Selbstreinigung, diese rückkaufsfähige Lebensversicherung, diese neue Software, diese neue Bildröhre? Wie ist das genau mit diesen Sonderrabatten? Und was gehört nun eigentlich alles zu den Leistungen dieser Karibik-Rundreise? Man muss es ganz genau wissen, denn man muss es in ganz wenigen Worten sagen können. Schliesslich haben die Manöverheinis in ihrer «Strategie» festgelegt: Texte möglichst knapp. Aber der Texter muss noch weiter hinuntersteigen, nämlich in das Inferno der Besprechungen. Texten heisst ja weit mehr als erfinden, recherchieren und formulieren. Es heisst vor allem auch: Texter sein. Und das wiederum heisst: das Trommelfeuer von Änderungs- und Ergänzungswünschen, die Feuerwalze von Einwänden und Bedenken und Meckereien über sich ergehen lassen. Die sind übrigens alle berechtigt, denn schliesslich hat man es wieder einmal nicht geschafft, die Dramatik des «Othello», die Poesie der «Duineser Elegien » und die Detailliertheit einer Gebrauchsanweisung in vier Zeilen zu packen. Aber das ist alles nicht halb so schlimm. Denn schon winkt die vorübergehende Rückkehr ins Paradies beziehungsweise das nächste Briefing. Diesmal soll die Kampagne jugendlich-frisch-aggressiv und zugleich ausgewogen-ruhig-überlegen sein. Ach ja, und wählt dazu doch einen markanten, dominanten Bild- und Wortauftritt.
Johannes Jost, «Texter werden» (1994)

Johnny hielt nach dem Mittagessen gern ein Nickerchen auf seinem Bürostuhl. Dabei schaffte er es, eine offene Rivella-Blau-Flasche auf dem Bauch zu balancieren, ohne dass sie ausleerte. Johnny trug immer 600 Franken bei sich. Für den Notfall, dass er den letzten Zug nach Münchenbuchsee verpasste. So war er sicher, jederzeit in seinem eigenen Bett schlafen zu können. Und irgendwann entdeckten findige Köpfe einen Bug auf der Publicis-Website. Im Kontaktfeld konnte man seine E-Mail-Adresse eingeben und darunter die E-Mail-Adresse des gewünschten Empfängers. So war es möglich, seinen Kumpels E-Mails mit gefälschten Absendern zu schicken. Zum Beispiel seinem Grafiker ein wütendes Mail von fredy.collioud@ publicis.ch. War sehr lustig. Einer fand das aber überhaupt nicht lustig, ein Beratungsgruppenleiter. Nennen wir ihn Herr Muster. Herr Muster kriegte Mails mit dem Absender herr.muster@publicis.ch, also von sich selbst. Darin stand dann: Bist du sicher, dass du schon so früh nach Hause kannst? – Dein Gewissen. Die Geschichte machte die Runde, und jeder in der Agentur fragte sich, wer hinter diesen Mails steckte. Bis dann eines Tages ein IT-Verantwortlicher zu Johnny ging und sagte: «Johnny, ich habe von der GL den Auftrag erhalten, der Sache nachzugehen. Vielleicht besser, du hältst dich etwas zurück.» Johnnys Reaktion ist nicht bekannt. Vermutlich hat er schmunzelnd einen Schluck Rivella Blau genommen.
Tom Zürcher, Werbetexter

Es war April 1988, als Johnny zu Publicis (damals noch Farner-Publicis) stiess. Dass er messerscharf denken und brillant schreiben konnte, war keine Überraschung. Das hatte er schon jahrelang bei GGK bewiesen. Verblüfft waren wir aber von seinem immensen Wissen. Er konnte Infos abrufen, für die der Rest der Welt über die Bücher musste. Johnny war Google und Wikipedia, lange bevor das Internet erfunden wurde. Oder für die Jungen unter uns: eine Art Siri mit Pfeife. Suchmaschine und Lexikon in einem. Und obendrein Zitatensammlung für jedes Thema, selbstverständlich immer mit präzisem Wortlaut und perfekter Quellenangabe. Einfach so. Spontan, versteht sich. Und ohne irgendwo nachschauen zu müssen. Ich habe sechzehn Jahre mit Johnny gearbeitet. Ein Gerücht – oder war’s doch eine Tatsache? – hat sich über all die Jahre hartnäckig gehalten: Johnny habe extra einen Zahn ziehen lassen, damit die Pfeife in die Lücke passe. So konnte er gleichzeitig reden, rauchen und die Hände freihalten zum Schreiben. Obs stimmt, verriet er nie. Vor rund einem Jahr habe ich Johnny zum letzten Mal gesehen. Zufällig. Bin zusammen mit einem Fotografen in einer Berner Beiz gesessen. Zwei Tische weiter Johnny, vor einem Mineral und hinter einer Zeitung. Klar habe ich mich kurz zu ihm gesetzt und ihn mit Fragen gelöchert. Habe versprochen, mich zu melden und so. Bin dann wieder zurück an meinen Tisch. Zehn Minuten später ist Johnny aufgestanden. Sein Zug nach Münchenbuchsee würde fahren. Ich: «Ja, du hörst von mir.» Weitere zwanzig Minuten später will ich zahlen. Die Bedienung meint darauf, unsere Biere seien von dem Mann mit der Zeitung bezahlt worden. – Ja, das war’s leider. Habe es verpasst, mich nochmals bei Johnny zu bedanken. Nicht nur für die Biere an diesem Nachmittag.
Luigi Del Medico, Creative Director Inflagranti

Das Erste, was ich von Johannes Jost sah, war der Rauch, der durch das Schlüsselloch seiner geschlossenen Bürotür drang. Es war mein erster Tag als Texter bei Farner-Publicis im Herbst 1988. Ich öffnete die Tür. Johnny, wie ihn alle nannten, sass sinnierend hinter seiner Pfeife, begrüsste mich herzlich, und bald kamen wir auf die Literatur zu sprechen. Wie viele junge Texter liebte ich Raymond Chandler. Lakonische Prosa, Dialoge wie Schusswechsel. Johnny nickte nur. Am nächsten Tag lagen auf meinem Schreibtisch die Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke. Sein Willkommensgeschenk. «Lies zwischendurch mal darin. Rilkes Sprache hat Zauber, Charme und Melodie.» Das war Johnny. Der Dichterfürst unter den Chandler-Jüngern. Zu begriffsstutzigen Beratern meinte er mit Goethe: «Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.» Was sie natürlich nicht verstanden. Doch Johnny war nicht nur ein wortgewaltiger Texter, sondern auch ein hervorragender Konzepter. Beharrlich rauchte der Kopf hinter seiner Pfeife und erfand intelligente Werbung. Beispielsweise die legendäre NZZ-Kampagne mit dem blauen Bleistift und den präzis zugespitzten Botschaften. Fünf Jahre lang war Johnny Jost mein Büronachbar. Ich habe viel von ihm gelernt. Wenn ich mit einer Aufgabe haderte, sagte er manchmal: «Dass etwas schwer ist, muss ein Grund mehr sein, es zu tun.» Zeit, wieder einmal in den Duineser Elegien zu lesen.
Markus Ruf, Creative Director Ruf Lanz