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NZZ am Sonntag ADC Sonderausgabe

Die 4-L-Regel

Das lateinische Wort «domus» hat zweierlei Bedeutungen: Einerseits heisst es «Haus», andererseits auch «Bewohner». Es impliziert also eine Koexistenz. Laut Systemtheorie ist das Zuhause denn auch nicht weniger als ein komplexes und anpassungsfähiges System, das sowohl Ausdruck als auch Spiegel unserer Identität ist. 

Oona Horx-Strathern

2021

Statt Coworking Spaces steht heute das Hoffice im Mittelpunkt.
Statt Coworking Spaces steht heute das Hoffice im Mittelpunkt.
Illustration von Julian Horx – www.julian-horx.com


Man könnte auch die Räume des eigenen Zuhauses als Familienmitglieder sehen. Es gibt jene, mit denen man mehr Zeit verbringt, und solche, denen man lieber aus dem Weg geht. Da gibt es die langweiligen Tanten, denen man zu Weihnachten mal schreibt (das vernachlässigte Gästezimmer), den redseligen Onkel, den man auf Partys meidet (den Gartenschuppen), den durchgestylten Cousin (das Esszimmer), die eitle Schwiegermutter (das Badezimmer) oder den vertrauten Partner (das bequeme Wohnzimmer).

All diese Verwandten standen während der Pandemie unter Druck, einen sicheren Hafen zu bieten, einen ausgewogenen und entspannten Rückzugsort. Und dann tauchte zu allem Überdruss auch noch der Überraschungsgast auf: das Home-Office. Und wie es sich mit einem unerwarteten Gast oftmals verhält, wussten wir nicht, wie und ob wir ihn willkommen heissen sollten. Würde er länger bleiben? War es nur eine kurze Stippvisite? Wie sich herausstellte, ist unser neuer «Verwandter» gekommen, um zu bleiben. Und wir müssen lernen, miteinander klarzukommen – physisch und mental. Willkommen, «Hoffice» - so genannt, weil es Hoffnung auf neue Lebensqualität macht.

Apropos Ausgewogenheit: Eine der grössten Fehlbezeichnungen der letzten Jahrzehnte ist die der «Work-Life-Balance». Schon vor der aktuellen Krise war echte Balance selten zu erreichen. Heute redet man stattdessen vom «Work-Life-Blending», dem Verschmelzen von Arbeits- und Privatleben und der Aufhebung klar definierter Grenzen. Doch genau für dieses Blending ist die Gestaltung eines gut funktionierenden «Hoffice» zentraler denn je. Es braucht kreative und flexible Lösungen, wie wir die beiden Bereiche verbinden, aber auch voneinander trennen können.

Denn einerseits arbeiten wir zu Hause tendenziell mehr und länger, checken unsere Posteingänge auch in den Abendstunden. Andererseits können wir unsere Zeit viel flexibler einteilen, wobei das Kochen zum neuen Pendeln wurde: Die Zeit in der Küche – der Kaffee frühmorgens, das Zubereiten des Mittag- und des Abendessens – markiert den Übergang von der Arbeit zur Freizeit.

Für viele von uns waren und sind diese rapiden Veränderungen eine darwinistische Lektion in Anpassungsfähigkeit, Kreativität und Geduld – nicht nur, was das Räumliche betrifft, sondern auch, was das Soziale und Gesundheitliche angeht. Ein gutes «Hoffice» benötigt klare physische und mentale Abgrenzungen. Quasi über Nacht mussten darum Lofts und Studios, Wohnküchen und Gemeinschaftsräume in multifunktionale Begegnungszonen umgewandelt werden. Plötzlich fanden wir uns in einem evolutionären Experiment wieder, aus dem klassisch darwinistisch die Anpassungsfähigsten (und mitunter auch einfach die Schnellsten) als Sieger hervorgingen. Wer bekommt den besten Arbeitsplatz zu Hause? Wer den bequemsten Bürostuhl? Wer das hellste Zimmer oder den beeindruckendsten Zoom-Hintergrund? Innert kürzester Zeit wurden diese Dinge zur neuen Währung im «Hoffice», und wir alle werden Lösungen finden müssen, die anstelle von offenen Wohnplänen wieder vermehrt mit klareren Trennungen daherkommen.

Der Schriftsteller Stewart Brand sagte, dass es Zeit und Anpassungsfähigkeit brauche, bis aus einem Gebäude ein Zuhause wird. Oder anders gesagt: Unser Zuhause lernt von uns und wir von ihm. Wenn sich also unser Leben verändert, muss das zwangsläufig auch unser Zuhause tun. Die Erschaffung eines erfolgreichen «Hoffice» basiert auf Prinzipien, welche wir hier die 4-L-Regel nennen wollen: Luft, Licht, Lärm und Liebe.

LUFT:
Wir alle brauchen Luft zum Atmen, klar. Aber auch zum Denken. Und je mehr Zeit wir in den eigenen vier Wänden verbringen, desto wichtiger wird sie. Aus welchen Materialien besteht unsere Einrichtung? Wie beeinträchtigen Möbel, Wandfarbe und sogar Bausubstanz die Luftqualität? Erschwerend kommt hinzu, dass, wer zurzeit weder Balkon noch Garten noch Loggia sein eigen nennt, auch nicht einfach einmal kurz durchatmen kann. «Sich Luft verschaffen» und «den Kopf durchlüften» sind nicht nur schöne Metaphern, sondern basieren auf tatsächlichen Bedürfnissen.

LICHT:
Ein «Hoffice» sollte einerseits gut ausgeleuchtet sein, andererseits aber auch genügend Tageslicht bieten. Und wie bei der Luft geht’s auch hier nicht nur ums Sehen, sondern auch ums Denken, etwa wenn uns ein Licht aufgeht. Die Schriftstellerin und politische Denkerin Hannah Arendt sagte: «In Zeiten grosser Krisen haben wir das Recht, Erleuchtung zu erwarten.» Darum: Es werde Licht – in allen nur erdenklichen Formen.

LÄRM:
Lärm oder Geräusche müssen nichts Schlechtes sein. Doch Lautstärke, Qualität und individuelle Empfindlichkeiten und Vorlieben müssen bei der Planung des Home-Office berücksichtigt werden: Manche Menschen brauchen einen gwissen Geräuschpegel, um sich nicht gänzlich isoliert zu fühlen – Geräusche aus der Natur, des Lebenspartners oder der Lebenspartnerin oder einfach nur das Tippen auf einer Tastatur. Andere wiederum brauchen komplette Ruhe und fühlen sich beim geringsten Pieps in ihrer Produktivität gestört.

LIEBE:
Lieben kann man zu Hause vieles, von tollem Design bis zu angenehmen Arbeitsbedingungen. Ein gutes «Hoffice» kann unsere geistige und physische Lebensqualität – und im Übrigen auch unser Liebesleben – verbessern. Professor Jan Teunen schreibt in «Officina Humana»: «Wenn das Home-Office funktioniert und eine liebevolle Atmosphäre herrscht, wird ein New-Work-Problem gelöst. Denn in der aktuellen Bürowelt erkennt man deutlich eine Krise, die durch die Dominanz wirtschaftlicher Rationalität ausgelöst wurde und zu einem Mangel an Menschlichkeit und psychischen Erkrankungen führt.»

Um die Arbeit und das Privatleben neu und anders zusammenzubringen, müssen wir das Rad nicht neu erfinden, und es bedarf auch keiner Revolution. Vielmehr ist es ein Prozess, eine Evolution. Teunen führt aus: «Das erste Büro war ein Home-Office – die Erfindung eines Mönches, dessen Zuhause ein Kloster war. Bis zur Renaissance war es üblich, zu Hause zu arbeiten. Jetzt kehren wir zurück zu den Anfängen.» Wenn wir nun also langsam, aber sicher aus dieser Krise hinausfinden, müssen wir unsere Erwartungen und unsere Wahrnehmung überdenken, um diese Rückkehr zu meistern. Der erzwungene Bruch mit unseren Routinen kann dabei die eigene Kreativität beflügeln und uns neue Perspektiven geben. Wir stehen gerade an einem Punkt, den der Philosoph Gershom Scholem die «formativen Stunden» nennt – die «entscheidenden Momente, in welchen es möglich ist, zu handeln», und in welchen sich alles ändern kann, weil alles im Fluss ist. «Wenn du dich bewegst, passiert etwas», so Scholem. Und weil eben nichts passieren wird, wenn wir uns nicht bewegen, ist jetzt der Zeitpunkt, die Dinge in ein anderes Licht zu rücken. Nicht nur das Bild vom eigenen Zuhause, sondern ganz konkret auch Möbel, Einrichtungen und vielleicht sogar Wände.

Das ist alles, was nötig ist, damit sich unsere neue, anspruchsvolle Wahlverwandtschaft – das «Hoffice» – willkommen fühlt.

Oona Horx-Strathern
Oona Horx-Strathern
Klaus Vyhnalek

OONA HORX-STRATHERN ist seit über 25 Jahren Trend- und Zukunftsforscherin, als Autorin und Beraterin tätig sowie auf internationalen Bühnen eine gefragte Wohnexpertin.

DAVID LÜBKE hat diesen Text aus aus dem Englischen übersetzt.

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