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Homo Fomo

Sag mir, wem du folgst, und ich sage dir, wer du bist: Social Media bestimmen das Leben der Jugendlichen fast Tag und Nacht. Aber stimmt das wirklich? Wir haben nachgefragt.

Loric Lehmann

2021

Die erste Aktion am Morgen ist der Griff zum Smartphone. Und die letzte am Abend vor dem Einschlafen. 99 Prozent der Schweizer Teenager geben an, Social Media zu nutzen (laut der Datenbank Statista). Viele beschäftigen sich damit während zahlreicher Stunden täglich. Fomo. Fear of missing out, also die Angst, etwas zu verpassen. Für die Gen Z haben Tiktok, Instagram, Snapchat und Co. einen enormen Stellenwert. Kurzlebige Funktionen wie die «Storys» von Instagram, die kleinen Filmchen, die nach 24 Stunden verschwinden, fördern den Druck, laufend die Plattform zu checken. Oder Snapchat, bei dem Nutzer Punkte bekommen für das tägliche Versenden eines Bildes.

«Sag mir, wem du folgst, und ich sage dir, wer du bist»: Frei nach dem berühmten Aphorismus des französischen Schriftstellers und Gastrosophen Jean Anthelme Brillat-Savarin gibt unsere Timeline auf den sozialen Plattformen viel über unsere intimsten Interessen preis. Wir wollten junge Menschen auf der Schwelle zum Erwachsenenleben befragen, was sie dazu bringt, ihr Innerstes nach aussen zu kehren, ihre Wünsche und Träume zu offenbaren. Und auch herausfinden, ob die Themen, Sorgen und Leitbilder tatsächlich heute völlig neue sind durch Social Media. Wir fanden sechs junge Leute – von Gymnasiasten über Detailhandelsfachkräfte bis zu Lernenden –, die bereit waren, über dieses Thema zu reden.

Für Severin ist die Ästhetik eines Posts wichtig.
Für Severin ist die Ästhetik eines Posts wichtig.
Unsplash: Spencer Davis

Severin, 16, Lernender Hochbauzeichner
«Ich benutze Instagram, Snapchat, Youtube und habe einen Account bei Facebook, verwende den aber nie. Täglich bin ich sicher drei bis vier Stunden auf Social Media. Ich folge etwa 400 Personen. Mein ‹meistgefolgter› Influencer ist Virgil Abloh, CEO der Mailänder Fashion-Marke Off-White. Der Modedesigner postet jeden Tag auf Instagram von ihm entworfene Kleider, Architektur oder sonstige Dinge aus seinem Alltag. Tiktok ist bei mir und meinen Freunden gar kein Thema. Wir machen uns oft lustig über Leute, die diesen Dienst nutzen.»

Aurélie kommuniziert vor allem via Snapchat.
Aurélie kommuniziert vor allem via Snapchat.
Unsplash: dreamstime_xxl

Aurélie, 17, Lernende Detailhandelsfachfrau
«Am meisten brauche ich Snapchat, um zu kommunizieren, sogar mehr als Whatsapp. Im Übrigen noch Tik-tok und Instagram. Facebook habe ich, aber das brauche ich fast nie, nur um mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die über 40 sind. Ich bin etwa drei bis vier Stunden pro Tag auf Social Media und folge etwa 300 Leuten auf Instagram. Influencern eher weniger, eher Berühmtheiten wie Justin Bieber oder Selena Gomez. Auf Tiktok bekommt man aber viel mehr vom Leben der Menschen mit als auf Instagram.»

Cédric holt sich Inspiration von anderen Athleten.
Cédric holt sich Inspiration von anderen Athleten.
Unsplash: dreamstime_xxl

Cédric, 16, Schüler Gymnasium
«Ich bin täglich acht Stunden am Smartphone, davon sechs auf sozialen Plattformen. Ich bin Zehnkämpfer. Auf Instagram folge ich deshalb vielen Leichtathleten, um auf dem neusten Stand zu bleiben, was deren Leistungen angeht. Da ist es mir nicht so wichtig, wie aufwendig der Post gemacht wurde.»

Cyrill schaut nur Videos mit vielen Likes.
Cyrill schaut nur Videos mit vielen Likes.
Unsplash: cardmapr.

Cyrill, 14, Schüler Sekundarschle
«Ich bin auf Youtube, auf Instagram – aber nur etwa zehn Minuten pro Tag – und auf Tiktok. Manchmal auf Twitch. Snapchat nutze ich nicht, ebenso wenig Face- book. Auf Instagram folge ich zum Beispiel Dwayne The Rock Johnson. Vielleicht noch ein paar Musikern oder Promis. Ich schaue eigentlich nur schnell die Storys auf Instagram. Dann wechsle ich zu Tiktok. Ich bin etwa vier Stunden pro Tag auf Social Media.»
 

Sidney nutzt die Zeit ohne Social Media.
Sidney nutzt die Zeit ohne Social Media.
Unsplash: Tristan Dixon

Sidney, 16, Schülerin Gymnasium
«Vor Corona nutzte ich Instagram, Snapchat, Tiktok und Whatsapp. Während der Corona-Zeit war ich natürlich viel zu Hause und zu viel auf diesen Plattformen. Nun habe ich genug davon und habe all diese Apps gelöscht. Ich nutze nur noch Snapchat und Whatsapp. In meinem Jahrgang im Gymi bin ich fast die Einzige, die nicht auf Social Media ist.»

Alix weiss, wie aufwendig ein gutes Tiktok-Video ist.
Alix weiss, wie aufwendig ein gutes Tiktok-Video ist.
Unsplash: Amanda Vick

Alix, 19, Serviceangestellte und Maturandin
«Ich bin auf Snapchat, Instagram, Whatsapp, Tiktok. Facebook hatte ich nie. Auf Youtube bin ich auch regelmässig. Und Twitter nutze ich, um News zu konsumieren. Durchschnittlich bin ich vier Stunden pro Tag auf Social Media. Momentan arbeite ich recht viel, aber vorher war ich teilweise fast acht Stunden auf sozialen Plattformen. Es ist fast etwas peinlich, weil ich denke, ich könnte meine Zeit besser nutzen. Ich bin mehrheitlich auf Instagram und Tiktok. Und ab und zu noch auf Twitch.»

Leiden Sie unter Fomo?
Beim Grossteil der sechs jungen Menschen ist das Smart- phone immer dabei. Sie schauen sogar drauf, wenn sie mitten in der Nacht aufwachen. Damit dürften sich sicher einige Lesende identifizieren.

Severin geht in typischer Fomo-Manier alle zwei, drei Stunden auf Instagram, um zu gucken, wer was worüber postet. «Ich habe das Gefühl, mir würde sonst etwas entgehen. Aber es stimmt schon, oft verschwende ich nur meine Zeit damit, Fotos von Leuten anzuschauen, die mich eigentlich gar nicht interessieren. Trotzdem tue ich es.»

Die grosse Ausnahme der sechs ist Sidney. Sie hat zu- mindest hinsichtlich Social Media nicht mehr Angst, etwas zu verpassen: «Nach all den Wochen zu Hause fühlten sich diese Plattformen für mich plötzlich eintönig an. Als würde einem immer das gleiche Essen vorgesetzt.» Als sie wieder in die Schule gehen konnte, wurde ihr plötzlich bewusst, wie viel Zeit sie dafür aufwandte. «Ich kam heim vom Gymnasium, hing am Smartphone, ass etwas, hing am Smartphone und ging ins Bett. Jeden Tag. Das wollte ich nicht mehr. Gerade Instagram und Tiktok fressen am meisten Zeit», sagt die 16-Jährige.

Tiktok ist mehr als Playback
Zu Tiktok, seit einiger Zeit das grosse Ding unter jenen mit Social-Media-Affinität, haben alle sechs klare An- sichten. Aurélie nutzt die App, welche ursprünglich als Portal für die Lippensynchronisation von Musikvideos konzipiert wurde, im Vergleich zu den anderen wohl am meisten, schätzt ihr Verhalten aber auch kritisch ein: «Tiktok macht süchtig. Mir passiert oft, dass ich länger auf der Plattform bin, als ich mir vorgenommen habe», sagt die 17-Jährige. Selber postet sie selten etwas. Bis jetzt sind nur sieben Tiktoks von ihr öffentlich. «Auf Tiktok folge ich diversen Influencern. Die zeigen, wie sie sich anziehen und woher sie ihre Kleider haben. Das interessiert mich sehr.»

In der vergangenen Woche hat Aurélie zuletzt etwas gepostet. «Dabei habe ich mich in einem schönen Spiegel gefilmt und ein Lied gesungen. Ich hatte ein neues Kleid an. Und gefiel mir.» Deshalb wollte sie diese Stimmung festhalten, wie sie erklärt.

Sie macht sehr gerne Tiktoks – stellt sie aber nicht öffentlich und schickt sie selten jemandem. «Privat habe ich 500 Tiktoks, die aber nicht mal meine Freunde sehen. Meist handelt es sich um Vlogs, ich erzähle, was ich gerade mache, wie ich mich fühle. Als wäre ich eine Influencerin – obwohl ich keine bin. Dann weiss ich später, wie es mir damals so ging und was ich anhatte.»

Der Phantasie freien Lauf lassen im digitalen Raum
Für viele war es schwierig, genau zu benennen, was ihnen an Posts gefällt, worin ihrer Meinung nach die Kreativität in den Inhalten liegt. Jede Plattform hat ihren eigenen Rhythmus und Stil. «Für mich ist ein Post kreativ, wenn er ein Thema hat oder sich die Person etwas überlegt hat. Die Ästhetik ist dabei natürlich wichtig. Aber es gibt keine Regeln in der Kunst», sagt Severin über Content auf Instagram. Snapchat brauchen alle nur, um mit ihren Freunden zu kommunizieren.

Auf Tiktok müssen die Videos hingegen vor allem eines: überraschen. Das bedeutet Aufwand für die Content-Producer. So erachtet Alix einen Tiktok als kreativ, wenn er viele Shots beinhaltet. «Denn ich weiss, wie schwierig das ist, vor allem Shots mit verschiedenen Outfits. Oder Videos mit coolen Kameraperspektiven und unkonventionellen Bildbearbeitungen und Schnitten.»

Auch Aurélie gefällt es, wenn sich die Leute bei Tiktoks Mühe geben. «Verwandlungen sind immer spannend. Zum Beispiel wenn ein Lied langsam anfängt, und plötzlich ändert sich das Tempo, und die Tiktokerin sieht auf einmal ganz anders aus – mittels Schminke oder Kleidern.» Cyrill, 14, gefallen Tiktoks, wenn sie lustig sind. «Beim Scrollen schaue ich nur die Videos, die viele Likes haben.»

YouTube – der neue Pausenhof
Die meisten Themen, mit denen die sechs jungen Leute sich herumschlagen, sind typisch für ihr Alter, aber nicht neu bzw. durch Social Media initiiert. Was die Generation X in der «Popcorn» las, an Starschnitten sammelte oder durch die Briefe an Dr. Sommer erfuhr, geschieht nun digital. Analoge Schwärmereien, das Sich-Orientieren an etwas älteren Vorbildern, Leistungs- vergleiche, Inspiration, schnelle Information, das passiert bei den Jugendlichen heute weniger untereinander als über die internationalen Plattformen – in einem stärkeren Ausmass und höheren Tempo. Die Conclusio aus unserer Recherche: Jene Plattform, die alle sechs häufig nutzen, ist Youtube – auch wenn diese kein soziales Netzwerk im herkömmlichen Sinn darstellt. Und gerade dort dominieren nicht nur muskelgestählte und schönheitsoperierte bzw. gefilterte Influencer den Content. Die Befragten sagten auch, sie schauten oft Erklärvideos, wo «normale» Menschen vorkämen, um Tipps zu bekommen oder etwas zu lernen. Die Sehnsucht nach der ungeschönten Realität lebt offenbar.

LORIC LEHMANN ist Journalist und Student. Für ihn als Millennial und Digital Native sind Social Media kein neues Phänomen.

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