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NZZ am Sonntag ADC Sonderausgabe

Über Gott und die Welt

Wer auf dem Planetenweg auf dem Zürcher Üetliberg geht, bekommt eine wunderbare Veranschaulichung unseres Sonnensystems geboten. Und je nachdem, mit wem man die zweistündige Wanderung vorbei an Planetenmodellen unternimmt, ändert sich auch das Storytelling rund um unsere Entstehungsgeschichte.

Niemand

2021

Die Sonne auf dem Uetliberg als Startpunkt zur Wanderung durch unser Planetensystem.
Die Sonne auf dem Uetliberg als Startpunkt zur Wanderung durch unser Planetensystem.
Niemand

Ich erinnere mich an ein Schulreisli über den Planetenweg, auf dem die Lehrerin den Urknall erklärte. Aber noch lieber denke ich an einen Ausflug mit meinem Vater, der auf Höhe Neptun erzählte, wie er damals als Kind zusammen mit seinen Freunden vom Pfarrer in einen Raum geführt wurde, wo sich Spektakuläres offenbarte: von der Decke hingen an unsichtbaren Fäden zehn liebevoll bemalte Kugeln, sanft beleuchtet und in verschiedenen Grössen und Abständen zueinander. Die Kinder schauten fasziniert, und allmählich erschloss sich ihnen, was sie vor sich sahen: ein detailgetreues Modell unseres Sonnensystems. Nach einer Weile fragte ein Kind: «Wer hat das gemacht?» Der Pfarrer antwortete: «Niemand.» Die Kinder lachten und glaubten ihm nicht. Doch der Pfarrer blieb bei seiner Antwort. So lange, bis die Kinder sie verstanden.

Die Kunst, aus der Entstehungsgeschichte eine Schöpfungsgeschichte zu machen, zeigt, dass auch in einer Institution wie der Kirche Platz für Einfallsreichtum ist. Ein weiteres Beispiel dafür sind die Ideen von Pfarrer Ulrich Hossbach, dessen letzte Station die Kirche Zürich Enge war: Beim Event «erlebnis.xyz» lauschen Feierwütige gebannt mitten im Lasergewitter der TechnoPredigt angesagter DJs. Beim wöchentlichen «Klangtag» finden gestresste Manager Ruhe in der Meditation, beim «Holy Yoga» auf der Sonnenterrasse recken sich Körperbewusste dem Himmel entgegen, und bei der Vortragsreihe «Passion» bietet Hossbach auch unbequemen Wahrheiten von Jean Ziegler oder Eugen Drewermann eine Bühne.

Mit solchen Events lebt der Theologe vor, was er unter Glauben versteht. Er öffnet seine Kirche für junge Menschen und lässt sie erleben, dass Spiritualität nicht nur in Indien, sondern auch in ihrer eigenen Kultur zu finden ist. Dabei versteht sich Ulrich Hossbach als Reiseführer, der die Gläubigen auf ihrem Weg durch das Universum unterstützt: «Unterwegs sein, mit und zu anderen. Ihre Bedürfnisse ernst nehmen und sie begleiten. Das ist meine Berufung.»

KOORDINATEN

Start: Üetliberg, Zürich
Route: von der Sonne vorbei an den acht Planeten bis Pluto an der Felsenegg; 6 Kilometer, 220 Höhenmeter – jeder Meter entspricht 1 Million Kilometer
Verpflegung: «Gmüetliberg», «Uto Kulm», «Felsenegg»
Karte: 1:25000, Blätter 1091, 1111; 1:50000, Blatt 225
Infos: zuerich.com/de/besuchen/sport/planetenweg

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