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NZZ am Sonntag ADC Sonderausgabe

Kraftorte für Kreative

Welche Umgebung unterstützt die Schaffenskraft kreativer Menschen? Paradiesischer Ort, urbane Leere oder das WC? Hier sind drei Vorschläge

Thomas Schöb

2021

Geh ein paarmal durch diese Gasse, am besten in der Nacht. Atme tief ein, setz dich auf die Pflastersteine. Da muss etwas drin sein in dieser Spiegelgasse im Zürcher Niederdorf. Stell dir vor, wie der Schriftsteller Friedrich Glauser vor dem Eingang des Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1 auf die Pauke haut, heftig und im Wortsinn, um einen weiteren Dada-Abend anzukündigen. Stell dir vor, wie kurz darauf alle Formen der Kunst auseinandergenommen und völlig neu zusammengesetzt werden, wie bruitistische Poesie, Simultangedichte und Sprachensalat durch die Spiegelgasse hallen, im Kampf gegen alles, was mit «-ismus» endet. «Jolifanto bambla ô falli bambla! . . .»

Stell dir vor, wie der Lärm der Dadaisten den jungen Lenin zum Wahnsinn treibt, weil der an der Spiegelgasse 14 auch gerade gegen «-ismen» kämpft, aber ganz anders, nämlich ruhig, konzentriert – so gut wie das halt möglich ist bei diesem Dada-Radau! – mit Papier und Feder: «Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus». Und einer war noch früher da: Georg Büchner. In allem war er früh, dieser geniale Young Creative, war seiner Zeit schon so weit voraus. Auch beim Sterben. Büchner ging schon mit 23 Jahren, man fand die bahnbrechenden Manuskripte von «Woyzeck», «Lenz» und «Leonce und Lena» in seiner Studentenbude an der Spiegelgasse 12. Ja, geh durch die Spiegelgasse, zieh dir alles rein, und lass dich anstecken. Da muss was drin sein.

Dann weiter zur Ganymed-Skulptur auf der Bürkliterrasse, sie ist ja nicht weit. Ganymed – der wunderschöne Junge, in den sich Zeus verliebt. Zeus, der sich in einen Adler verwandelt und zur Erde fliegt, um Ganymed nah zu sein. Gut, über den künstlerischen Wert der Skulptur lässt sich streiten, nicht aber über ihre Bedeutung: Es ist ein Denkmal für die Schwulen- und Lesbenkultur, ausgedacht 1942, in jenem Jahr, als die Schweiz mit ungeahnter Disruption die Straffreiheit für Homo- sexuelle einführt. Vollendet und eingeweiht wird das Werk im Jahr 1952. Setz dich mal dorthin, und denke beim Anblick Ganymeds nicht an ein Gedicht von Goethe. Sondern daran, dass Offenheit Voraussetzung für jede Kreativität ist, Vorurteile aber ihre kältesten Killer. Das weisse Blatt gibt es nur selten umsonst. Man muss meistens darum kämpfen.

Und dann noch auf einen Drink in die Chicago Bar an der Ecke Langstrasse/Neugasse. Sie ist so wunderbar uncool, diese freundliche Bar. Nichts ist Masche, nichts ist trendy. Selbst auf Retro- und Shabby Chic wird verzichtet. Dieser Ort ist ein weisses Blatt, auf dem du etwas trinken kannst. Da kommen einem dann so Ideen.

Die legendäre Spiegelgasse im Zürcher Niederdorf
Die legendäre Spiegelgasse im Zürcher Niederdorf
Thomas Schöb

Ein Abend in Zürich: Von Dada via Olymp nach Chicago

21:00 | Dada

Cabaret Voltaire, Spiegel- gasse 1. Hier viel Dada einatmen und dann zu Fuss in 1 Minute zu Lenin.

21:30 | Lenin
Lenin, Spiegelgasse 14 (Haus durch Neubau ersetzt). Nicht zu viel davon einatmen. Zu Fuss in 10 Sekunden zu Büchner.

21:31 | Büchner
Georg Büchner, Spiegelgasse 12 (Haus durch Neubau ersetzt). Jetzt wieder tief einatmen und zu Fuss in 16 Minuten zum Olymp.

22:00 | Olymp
Ganymed-Statue, «Entführung in den Olymp» (1952), von Hermann Hubacher, Bürkliplatz 10. Hinsetzen, Regenbogen inhalieren und dann zu Fuss in 57 Minuten zur Chicago Bar.

23:00 | Chicago Bar
Chicago Bar, Neugasse 42. Vielleicht eine Kleinigkeit trinken.

THOMAS SCHÖB ist freier Texter, Creative Director und praktizierender Dadaist.

Nur für Sie.